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Hinhören ist deine Superpower

Wenn KI das Bauen fast kostenlos macht, wird das Hinhören zur wichtigsten Fähigkeit in agilen Teams.

Ein Muster, das ich gerade überall sehe

Ich habe in meinem Berufsleben viele Technologiewellen erlebt, vom ersten IBM PC über das Internet bis zu agilen Methoden. Bei jeder Welle gab es einen Moment, in dem alle dachten, jetzt werde endlich alles leichter. Genau diesen Moment erlebe ich gerade wieder, in Teams, die neu mit KI arbeiten.

Am Anfang ist die Erleichterung groß. Die KI schreibt User Stories, erstellt Tests und erzeugt Code in einer Geschwindigkeit, die vor zwei Jahren niemand für möglich gehalten hätte. Aufgaben, die früher Tage gekostet haben, sind in Minuten erledigt, und die Stimmung im Team ist entsprechend gut.

Doch nach einigen Wochen kippt etwas. Die Komplexität steigt, und zwar nicht trotz der KI, sondern wegen ihr.

Ein altes Problem in zehnfacher Größe

Wenn Code fast nichts mehr kostet, entsteht Code. Unendlich viel Code. Und mit ihm ein Problem, das wir in der Softwareentwicklung seit Jahrzehnten kennen, das jetzt aber zehnmal größer wird: Wir bauen Features, die niemand braucht.

Ich erlebe das jeden Tag auf meinem iPhone. Meine Apps haben unzählige Funktionen, von denen ich nur einen kleinen Bruchteil nutze. Der Rest hilft mir nicht, er stiftet vor allem Verwirrung. Ich suche länger nach dem, was ich brauche, ich tippe auf Menüpunkte, die ich nicht verstehe, und manchmal gebe ich einfach auf.

Früher hat uns die Knappheit geschützt. Weil Entwicklung teuer und langsam war, mussten Teams genau überlegen, was sie bauen. Diese natürliche Bremse fällt mit KI weg. Was bleibt, ist die Frage, ob wir die Bremse selbst übernehmen.

Ein agiles Prinzip, wichtiger denn je

Im agilen Manifest gibt es ein Prinzip, das in vielen Teams eher am Rand steht. Es lautet: „Einfachheit, die Kunst, die Menge nicht getaner Arbeit zu maximieren, ist essenziell.“

Ich habe dieses Prinzip über viele Jahre in Scrum-Trainings erklärt, und ehrlich gesagt wurde es oft als schöne Idee abgenickt und dann vergessen. Heute glaube ich, dass es noch nie so wichtig war wie jetzt. Denn wenn eine KI in einer Stunde zehn Features bauen kann, liegt die eigentliche Leistung eines Teams nicht mehr im Bauen. Sie liegt im bewussten Weglassen.

Was jetzt knapp wird: Hinhören

Wenn das Bauen fast nichts mehr kostet, wird etwas anderes knapp. Es ist die Fähigkeit zu spüren, was Menschen wirklich brauchen, und der Mut, auch einmal Nein zu sagen, obwohl ein Feature technisch möglich wäre und schnell gebaut ist.

Für mich sind das feminine Qualitäten: Empathie, Zuhören, Verbindung und die Bereitschaft, eine Frage auszuhalten, bevor man eine Antwort liefert. Sie stecken in uns allen, in Frauen wie in Männern. Aber in vielen Teams sind sie noch viel zu leise, weil Geschwindigkeit und Output lauter gefeiert werden als gutes Hinhören.

KI kann Features erzeugen. Sie kann aber nicht in einem Kundengespräch spüren, dass hinter einer Anforderung eigentlich eine Unsicherheit steckt. Sie fragt nicht von sich aus, wer ein Feature eigentlich braucht und was sich für diesen Menschen dadurch verbessert. Diese Frage zu stellen, ist und bleibt menschliche Arbeit.

Was das für Scrum Master und Product Owner bedeutet

Viele Scrum Master fragen sich gerade, ob es ihre Rolle in zwei Jahren noch braucht, wenn KI Sprints plant und Retrospektiven auswertet. Ich verstehe diese Angst, und ich nehme sie ernst. Meine Antwort ist trotzdem: Ja, die Rolle wird gebraucht, aber sie verändert sich. Sie bewegt sich weg vom Verwalten der Methode und hin zum Begleiten der Menschen.

Für Product Owner gilt etwas Ähnliches. Ihre wichtigste Aufgabe war schon immer, zu entscheiden, was nicht gebaut wird. Mit KI wird diese Aufgabe größer, weil die Versuchung wächst, einfach alles umzusetzen, was schnell geht.

Konkret heißt das für den Alltag im Team:

  • Im Refinement nicht nur fragen, wie wir etwas bauen, sondern wer es braucht und woran wir merken, dass es hilft.
  • Im Review mit echten Nutzerinnen und Nutzern sprechen, statt nur Funktionen vorzuführen.
  • In der Retrospektive auch fragen, welches Feature wir hätten weglassen können.
  • Im Daily darauf achten, wer still geworden ist, denn auch das ist ein Signal, das keine KI erfasst.

Weniger bauen, besser hinhören

Die KI-Welle ist die größte, die ich in meiner Karriere gesehen habe. Sie nimmt uns viel Routine ab, und das ist gut so. Aber sie nimmt uns nicht die Verantwortung ab, zu entscheiden, was in die Welt kommt und was nicht.

Weniger bauen und besser hinhören, das klingt einfach und ist doch eine Haltung, die man üben muss. Das Schöne ist: Man muss dafür nicht erst perfekt sein. Man darf es lernen, Schritt für Schritt und gemeinsam mit anderen. Ich lerne es auch immer mehr.